Vom Leben aus erster Hand

Diese Woche mal wieder unterrichtet, Jugendliche, und natürlich kam schon in den ersten fünfzehn Minuten die Frage aller Schulfragen: «Warum müssen wir das lernen?!» Konkret ging es um den Impératif, aber man könnte «das» durch fast alles ersetzen: Länder Afrikas, Italienischwörter, Schweizer Geschichte, deutsche Literatur, binomische Formeln.
Im Schulzimmer fiel mir nur eine Antwort ein. Die übrigen kamen erst zu Hause. Darum hier, leicht verspätet, der ultimative Antwortkatalog für alle Jugendlichen, Eltern und Lehrpersonen:
Erstens: Du weisst nie, was du später einmal brauchen wirst. Ich weiss es übrigens auch nicht, weder für dich noch für mich. Jetzt kannst du sagen: Genau darum will ich nicht lernen. Oder du bist schlau und sagst dir: Weil ich nicht weiss, was ich einmal brauche, nehme ich mit, was immer ich kriegen kann, stopfe meinen Rucksack voll – damit ich das Schulhaus etwas weniger mager verlasse, als ich es betreten habe.
Zweitens: Lernen ist wie eine Treppe. Wenn du auf der hundertsten Stufe stehst und hinunterblickst, siehst du die erste Stufe nicht mehr. Und doch war sie auf dem Weg nach oben genauso wichtig wie die neunundneunzigste. Du weisst nicht mehr, wie es war, laufen zu lernen – aber ohne jene Gehversuche könntest du heute nicht rennen.
Drittens: Wir wissen nicht genau, wie das Gehirn aus Bestehendem etwas Neues formt. Alle wollen «kreativ» sein, aber dafür muss man was in der Birne haben, das sich verknüpfen lässt. Wie mich das Lesen eines Buches über Tabakpfeifen damals auf die Idee brachte, unser Dienstleistungsangebot aufs Texten auszuweiten? Keine Ahnung.
Und jetzt noch der Einwand par excellence: «Die KI weiss alles, ich muss sie nur fragen, da muss ich nichts mehr wissen!» – Mag sein. Aber sie antwortet eben nur, wenn du eine Frage hast. Und wer weiss schon immer so genau, was er wissen will? Siehe Pfeifenbuch: Ich erhielt eine Antwort auf eine Frage, die ich noch gar nicht hatte.
Und was nützt es dir überhaupt, wenn die KI alles weiss? Die Frage ist doch nicht, was dein Nachbar oder irgendeine Maschine weiss – die Frage ist: Was weisst du? Was kannst du?
Alles andere ist Leben aus zweiter Hand.



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