Von der Motivklauberei

«Das tust du doch nur, weil du dir fürs nächste Mal eine Sonderbehandlung erhoffst.»
Das bekam ich letztes Wochenende zu hören, gegen Ende eines herrlichen Abends im Restaurant. Mein Vergehen: ein überschwängliches Kompliment an Küche und Service, das ungefähr so ging: «Das Essen hat doppelt so gut geschmeckt, weil Sie einen so tollen Service gemacht haben. Ihre Ausstrahlung und Ihr Engagement waren grossartig, danke dafür.»
Unlautere Motive also. Der Vorwurf war und ist mir bekannt. Auch im Geschäft hatte ich diese Diskussionen immer wieder: «Das tust du doch nur, um die Leute bei der Stange zu halten.» «Das tun wir doch nur, weil wir den Kunden nicht verärgern wollen …»
Stimmts? Ich weiss es nicht. Was ich aber weiss: Des Pudels Kern liegt im Wörtchen «nur».
Denn was trieb mich an jenem Abend? Dankbarkeit? Freude an guter Arbeit? Eitelkeit? Die Sonderbehandlung? Vermutlich von allem etwas.
Wohin aber führt es, wenn wir unsere Motive sezieren? Spielen wir es mal durch, und gehen wir dabei von den unlautersten aus: Ich lobe nur, weil ich eine Sonderbehandlung will. Okay, und soll ich deshalb nicht mehr loben? Ich zahle den Bonus nur, um die Leute bei der Stange zu halten. Von mir aus, aber sollen die Mitarbeiter deshalb keinen Bonus bekommen? Wir legen nur eine Nachtschicht ein, um den Kunden nicht zu verärgern. Meinetwegen, sollen wir deshalb schlafen gehen?
Kaum. Die Motivklauber haben eben nur den im Blick, der gibt – und vergessen den, der bekommt.
Der junge Kellner hat übrigens nicht nach meinem Motiv gefragt. Er hat gestrahlt.



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